Bald gibt es in allen fünf Gemeinden eine Kinderkrippe
Mittelrheintal. – Vor etwa 15 Jahren war es eher die Ausnahme, Kleinkinder stunden- oder halbtageweise in einer Kinderkrippe betreuen zu lassen. Im Mittelrheintal gab es ausschliesslich das in privater Trägerschaft geführte «Kinderhöckli». Als Betreiberin Emmi Büchler das «Höckli» 1997 aufgab, erhielt die seinerzeit frischgewählte Gemeinderätin Marlen Hasler den Auftrag, dies mit zwei anderen Frauen weiterzuführen. Zunächst erfüllte sie diese Aufgabe recht laienhaft, wie sie sich in einem Gespräch mit der «Rheintalischen Volkszeitung» erinnert. Mit der Zeit und aufgrund der strenger gewordenen Vorschriften durch den Kanton St. Gallen arbeitete sie sich immer tiefer in die Materie ein.
Arbeitsgruppe des AGV
So lag es nahe, dass sie im September 2001 durch den Arbeitgeber-Verband Rheintal (AGV) mit einer Projektleitung innerhalb der Arbeitsgruppe «Frau und Berufswelt» beauftragt wurde. Hintergrund war ein aus der Wirtschaft forciertes Anliegen, Krippenplätze für den Nachwuchs von Mitarbeiterinnen zu schaffen. Der Wichtigkeit dieses Anliegens wurde auch durch die Teilnahme des Personalchefs der Leica in dieser Arbeitsgruppe Nachdruck verliehen.
Standortvorteil für die Gemeinden
Für Marlen Hasler stand es ebenfalls ausser Frage, dass eine Kinderkrippe professionell aufgegleist werden müsse. Deshalb galt es in einem ersten Schritt, die fünf mittelrheintalischen Gemeinden von dem mit einer Kinderkrippe verbundenen Standortvorteil zu überzeugen.
Dies stellte eine wesentliche Voraussetzung dar, um ein bis heute wohl einzigartiges Modell zum Erfolg zu führen – nämlich eine öffentliche Trägerschaft für Kinderkrippen zu realisieren und gleichzeitig die Wirtschaft durch fix verkaufte Plätze in Finanzierung und Nutzung mit einzubeziehen. Auch dank des Drucks der Wirtschaft hatten letztlich nach zwei Jahren alle Gemeinderäte auf dem Gebiet der SDM (Soziale Dienste Mittelrheintal) ihre Beteiligung zugesagt.
Im Herbst 2001 wurde in Ruth Grössl eine kompetente Leiterin gefunden, die massgeblich zum Erfolg der Kinderkrippen beigetragen hat, erinnert sich die Präsidentin. Dazu zählt Hasler auch die praxisorientierte Konzeptarbeit, die hinter der inzwischen zu einem KMU-Betrieb mit 30 Mitarbeitenden angewachsenen Einrichtung steht.
Erster Standort in Widnau
So wurde im April in Widnau der erste Standort eröffnet und die «Villa Sternschnuppe» startete ihre Erfolgsgeschichte mit etwa 30 Kindern, die in zwei Gruppen betreut wurden und aus allen fünf Gemeinden kamen.
Die Eröffnung weiterer Standorte erfolgte beinahe im Zwei-Jahres-Rhythmus. Immer, wenn sich ein Standort etabliert hatte, begannen bereits die nächsten Vorbereitungsarbeiten, berichtet Hasler. So wurde im August 2004 ein Standort in Au, im Januar 2007 in Balgach und schliesslich im Februar 2009 in Diepoldsau eröffnet. In vier von fünf Gemeinden werden heute etwa 120 Kinder betreut, die sich auf 66 Plätze verteilen. In Diepoldsau wurde aufgrund der optimalen Infrastruktur der Liegenschaft eine Babygruppe (bis 18 Monate) eingerichtet.
Abgestufter Sozialtarif
Als besonders erwähnenswert erachtet es Marlen Hasler, auf das Finanzierungsmodell hinzuweisen. Von den 66 Plätzen sind 27 an Firmen verkauft. Sie tragen Vollkosten für jeden einzelnen Platz. Eltern, die ihr Kind auf privater Basis bringen, zahlen einen einkommensabhängigen, abgestuften Tarif. Mit diesen Einnahmen sind 70 Prozent der Kosten abgedeckt. Die übrigen 30 Prozent zahlen die Mitgliedsgemeinden nach einem Einwohnerschlüssel.
Die Präsidentin weist in Bezug auf die Finanzen auch auf weitere Vorteile hin und ist überzeugt, dass langfristig die Kosten-Nutzen-Rechnung aufgeht. Denn erwerbstätige Mütter bringen Steuereinnahmen – und dies erst recht dann, wenn ihnen der Wiedereinstieg in den Beruf besser gelingt.
Mehrere Gründe für den Erfolg
Egal wie viele Standorte der «Villa Sternschnuppe» es gab, es gab immer auch eine Warteliste. Neben dem Modell, das auf einer breiten Abstützung basiert, sieht Marlen Hasler auch die steigende Akzeptanz als einen wesentlichen Grund für die Erfolgsgeschichte. Es gebe inzwischen einen gesellschaftlichen Kontext darüber, dass eine Kinderkrippe nicht mehr als absolut schlecht angesehen wird. Familienergänzende Betreuung wird als Ergänzung und nicht als Ersatz angesehen. Die meisten Kinder verbringen eineinhalb bis zwei Tage in der Krippe. Ausserdem sinke die Hemmschwelle in dem Fall, dass man Eltern kennt, deren Kinder gut betreut werden. Weitere Aspekte sieht Hasler darin, dass immer mehr Mütter erwerbstätig sein müssen oder wollen. Ausserdem kann ein Grossteil der heutigen jungen Familien nicht mehr auf Grosseltern zurückgreifen, weil diese nicht in der Nähe wohnen. Weiterhin ist vielen Eltern von Einzelkindern daran gelegen, einen möglichst frühen Kontakt mit Gleichaltrigen ihrem Nachwuchs zu ermöglichen.
Heute sind alle stolz
Heute seien alle stolz auf das Modell «Kinderkrippe SDM», «Villa Sternschnuppe», so Hasler. Denn es sei das einzige im Kanton, das in dieser Form funktioniere. Und nun wolle Berneck einen eigenen Standort eröffnen. Damit wäre das ursprüngliche Ziel – eine Kinderkrippe für jede Gemeinde – erreicht, freut sich die langjährige Präsidentin. Schaue man alleine auf die Anzahl betreuter Kinder aus Berneck, ist dieser Schritt dringend notwendig.
Es sei sich jedoch schwierig, eine geeignete Liegenschaft zu finden. Ausserdem brauche es für eine Erweiterung der Gesamteinrichtung eine Anpassung des Konzeptes. Aus diesen Gründen sei mit einer Eröffnung frühestens Anfang 2011 zu rechnen, so Hasler.
Weiters sind die konkreten Vorbereitungen bereits angelaufen. Der Gemeinderat hat zwei gemeindeeigene Liegenschaften als mögliches Mietobjekt für die Kinderkrippe angeboten. Hierbei handelt es sich einerseits um eine Liegenschaft aus einer Erbschaft (siehe «Rheintalische Volkszeitung» vom 22. Juli). Ein zweites Objekt sei ebenfalls Eigentum der Gemeinde.
Grundsätzlich seien beide Liegenschaften geeignet, erläutert Hasler das Ergebnis einer ersten Begehung. Jede verfüge über spezifische Vorteile. Ausserdem stehen noch Mietverhandlungen aus. Denn für jeden Standort zahlt die Trägerschaft eine handelsübliche Miete.
Eine Begehung durch die kantonalen Ämter für Soziales und für Feuerschutz stehe noch aus. Denn für eine behördliche Bewilligung müssen Brandschutz, eine Küche, zwei WCs und drei bis vier Räume für die Kinderbetreuung vorhanden sein.
Werden sich die Trägerschaft sowie die Politische Gemeinde Berneck einig und erteilt der Kanton die notwendigen Bewilligungen, rückt eine baldige Verwirklichung eines lange anvisierten Zieles in greifbare Nähe – eine «Villa Sternschnuppe» in jeder Gemeinde im Mittelrheintal.









